Seit dem Wegfall der kommunalen Doppelspitze mit einem ehrenamtlich wirkenden Bürgermeister und beruflich tätigem Stadtdirektor im Sommer 1997, haben bisher an der Lippe fünf Urwahlen des hauptamtlichen Bürgermeisters stattgefunden. Dafür hatte die SPD vier Personen aus ihrer Mitte aufgeboten: Hans-Ulrich Kuppert (1945-2012) in 1999, zweimal Sabine Pfeffer (2004 und 2020), Hans-Joachim Kayser (2005) sowie Marlies Stotz (2014). Nun steht im September 2025 die sechste Direktwahl des Vorsitzenden des Stadtrates und Verwaltungschefs im Stadthaus an. Diesmal hat die Lippstädter Sozialdemokratie niemanden aus ihren Reihen nominiert, sondern unterstützt mit Alexander Tschense erstmals einen parteiungebundenen Kandidaten.
Alexander Tschense wird von der SPD unterstützt

Alexander Tschense, parteiloser Aspirant auf das Bürgermeisteramt, traf beim SPD-Treffen im „Kasino“ die einstige Ratsfrau Gudrun Beschorner.
Foto: Hans Zaremba
Zukunftsängste
Im Anschluss an die Nominierung der Bewerberinnen und Kandidaten der Sozialdemokratie für die Wahl des Stadtrates am Sonntag, 14. September 2025, präsentierte Alexander Tschense seine Positionen für die Bürgermeisterwahl. Dabei bedankte er sich bei der SPD, ihm die Möglichkeit einzuräumen, mit seiner Kandidatur neue Wege zu beschreiten. Zugleich hob er hervor, dass die Herausforderungen, „vor denen wir stehen“, zu groß seien, um sie mit alten Rezepten zu lösen. „Unsere Wirtschaft steht vor einem Umbruch, wie ihn unsere Stadt seit Dekaden nicht mehr erlebt hat“, unterstrich der 49jährige Fachinformatiker in seiner Rede im „Kasino“ und fügte hinzu: „Nachrichten von Jobabbau treffen die Menschen ins Mark und lösen Zukunftsängste aus.“ Für den ehrenamtlichen Vorsitzenden des Presbyteriums der evangelischen Kirche in Lippstadt ist das Wohl seiner Heimatstadt mit dem Wohl der Wirtschaft verbunden. Wie in vielen anderen Kommunen in Deutschland klagten auch in Lippstadt die Menschen über einen Mangel an bezahlbarem Wohnraum.
Lösungen
Im Hinblick auf die Stadtentwicklung würden nicht nur die Bürgerinnen und Bürger an der Lippe den Stillstand wahrnehmen, sondern mit Sorge auch die Menschen aus dem Lippstädter Umland. „Wenn wir diese Probleme nicht anpacken, wird Lippstadt Chancen verpassen, die es für eine lebenswerte Zukunft braucht“, hob Alexander Tschense hervor. Sorge bereite ihm das Anwachsen der Zustimmung für die Populisten in seiner Heimatstadt, als er von der Auszählung des Votums mit 51 Prozent in der Kopernikusschule bei der Bundestagswahl im Februar 2025 für eine Partei, die er persönlich ablehne, erzählte. „Aber die 51 Prozent der Wählerinnen und Wähler sind Bürgerinnen und Bürger unserer Stadt“, sagte der Bürgermeister-Aspirant, „die ich nicht aufgeben will und werde“. Darüber hinaus berichtete der Vater von drei Kindern über seine Gespräche auf den Kinderspielplätzen, die er derzeit durchführe. Dabei stelle er oft Kleinigkeiten fest, die fehlten, aber unbürokratisch von der Politik, dem Bürgermeister und der Verwaltung gelöst werden könnten.
Bildung
Um die Stadt nicht nur zu verwalten, sondern ihre Zukunft zu gestalten, benötige Lippstadt eine digitale Verwaltung, „die funktioniert, die den Bürger das Leben leichter macht“. Ebenso betrachtete Alexander Tschense die Wirtschaftspolitik in Lippstadt, die Unternehmen am Standort Lippstadt hält und jungen Menschen Perspektiven eröffnet. Dabei fand er anerkennende Worte für die „engagierte und kreative Wirtschaftsförderung“. Überdies registriere er wertvolle Initiativen wie die Ausbildungs-Börse des Schützenvereins und das Ausbildungsnetzwerk der INI, „die Jugendliche mit Betrieben zusammenbringen“. Für ihn ist Lippstadt „ein starker Wirtschaftsstandort und soll es auch in der Zukunft sein“. Dafür brauche Lippstadt kluge Köpfe und starke Hände. „Wir wissen, dass Bildung der Schlüssel dazu und eine gesellschaftliche Aufgabe ist.“
Selbstverständnis
Neben vielen Einzelaspekten schilderte Alexander Tschense sein Selbstverständnis vom Amt des ersten Bürgers: „Die besten Lösungen kommen nicht aus einem einzigen Kopf, sondern aus der Gemeinschaft. Als Bürgermeister werde ich Räume schaffen, in denen Menschen zusammenkommen, Ideen entwickeln und Lösungen finden können. Ich werde vor Ort sein, auch zum Feiern, vor allem aber, um zuzuhören.“ Als praktizierender Christ aus der Evangelischen Kirche überraschte es nicht, dass sich Alexander Tschense in seiner Rede eines Zitats von Richard von Weizsäcker (1920-2015), der sich über seine Tätigkeit als Bundespräsident von 1984 bis 1994 hinaus auch von 1964 bis 1970 sowie von 1979 bis 1981 als Präsident des Evangelischen Kirchentages engagierte, bediente: „Die großen Konflikte der Zeit wären lösbar, wenn wir Menschen die Kraft fänden, persönlich und politisch gemäß der Bergpredigt zu handeln.“
Hans Zaremba


