Nachfrage höher als das Angebot

Das Wort Katastrophe ist mit Bedacht zu verwenden, aber zur Zukunft der Pflege durch Zahlen unterlegt. Etwa 5,7 Millionen Menschen in Deutschland sind laut Statistischen Bundesamt pflegebedürftig. 78 Prozent von ihnen sind älter als 75 Jahre. Der Großteil der Betroffenen (86 Prozent) wird zu Hause versorgt, und dies meist von den eigenen Angehörigen. Rund 800.000 Menschen leben vollstationär in Pflegeheimen. Prognosen gehen davon aus, dass es bereits in zehn Jahren etwa 6,3 Millionen Pflegebedürftige geben wird und in 2055 ungefähr 7,6 Millionen.

Hans Zaremba über den SPD-Pflegedialog

Gruppenbild zum Abschluss des SPD-Pflegedialogs mit Präsenten zur Geschichte in Lippstadt:
Von links mit dem Landtagsabgeordneten Josef Neumann aus Solingen, Vormann der SPD-Senioren in Lippstadt, Karl-Heinz Tiemann, und der Pflegedienstleiterin des Seniorenzentrums von Bodelschwingh in Lipperbruch, Daniela Schäpermeier.
Foto: Hans Zaremba

Arbeitsbedingungen

Vor diesem Hintergrund richteten die Lippstädter SPD-Senioren ihren öffentlichen Pflegedialog im Seniorenzentrum von Bodelschwingh in Lipperbruch aus. Dazu konnte der Leiter der SPD-Arbeitsgemeinschaft für die ältere Generation, Karl-Heinz Tiemann, den Vorsitzenden des Ausschusses für Arbeit, Gesundheit und Soziales im Düsseldorfer Landtag, Josef Neumann, und die Pflegedienstleiterin der Lipperbrucher Einrichtung, Daniela Schäpermeier, als Gesprächsteilnehmer begrüßen. Der aus Solingen angereiste Parlamentarier stellte in seinem Impulsreferat heraus, dass derzeit die Nachfrage nach Pflegeleistungen höher als das Angebot an Pflegekräften ist. „Um die Versorgungssituation sicher zu stellen, müssen deswegen mehr Menschen für den Pflegeberuf gewonnen werden“, unterstrich der 64-Jährige die Notwendigkeit, neue Pflegeschüler für die Ausbildung zu begeistern und examinierte und erfahrene Fachkräfte zu halten. Die Attraktivität des Pflegeberufs lasse sich über Verbesserungen der Arbeitsbedingungen und einträglichere Vergütungen steigern, fügte der ehemalige Sekretär der vormaligen Gewerkschaft ÖTV (Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr) hinzu. Zudem müsse die medizinische Versorgung der Menschen auf dem Land wie in den Städten gleichermaßen auf einen Niveau sichergestellt werden. Dabei sprach sich der von der Solinger SPD als Anwärter für das Amt des Oberbürgermeisters nominierte und 1984 in Lippetal als Ratsherr in die Politik eingestiegene Josef Neumann für die Übernahme des Angebots der „Gemeindeschwester-Plus“ aus Rheinland-Pfalz in Nordrhein-Westfalen aus. Und um die Lasten des demographischen Wandels zu finanzieren, müsse die Pflegeversicherung schrittweise von einer Teilkaskoleistung zu einer Vollleistungsversicherung entwickelt werden. „Doch hier ist Berlin am Zuge“, erklärte der einst in der Werkstatt für Behinderte (WfB) der Lebenshilfe in Bad Waldliesborn als Heilerziehungspfleger tätige heutige Berufspolitiker unter Bezugnahme auf den Koalitionsvertrag von CDU/CSU und SPD zur Zuständigkeit für die Rahmenbedingungen der Pflegepolitik.

Personalgewinnung

Daniela Schäpermeier oblag es, das in der Ringstraße bestehende St. Johannisstift vorzustellen. Von der Geschichte als Lazarett bis 1946 über die Zeit als Jungen- und Kinderheim bis zum heutigen Seniorenzentrum. Zugleich präsentierte sie das Pflegeleitbild und das Konzept des Hauses der Diakonie mit ganzheitlichem Pflegeansatz, der Offenheit und Inklusion, Wahrung der Menschenwürde und fachliche Qualität. Die örtliche Struktur im Alltag beinhalte unter anderem einen Sozialen Dienst sowie einen hauseigenen Besinnungsraum, die christliche Betreuung durch den katholischen Pastor Thomas Thiesbrummel und den evangelischen Pfarrer Dr. Roland Hosselmann, eine offene Cafeteria sowie Räume für Feierlichkeiten. Ebenso listete sie den Wunschkatalog des Zentrums von Bodelschwingh auf: Einführung eines Ausbildungswohnbereichs, Prävention in der Pflege, Ausbau der Infrastruktur mit mobilen Dokumentationsstandorten und Möglichkeiten zum Homeoffice. Als Herausforderungen im Alltag nannte Daniela Schäpermeier die nicht einfachen Pflegesatzverhandlungen mit ihrem hohen Verwaltungsaufwand, das Problem der Gewinnung von Personal und Auszubildenden sowie die Zunahme der Auflagen zur Dokumentation der Arbeit in der Pflege.