Das hat Lippstadt seit der ersten Urwahl eines hauptamtlichen Bürgermeisters im September 1999 noch nicht erlebt. Während bei den früheren Entscheidungen für die Berufungen des Ratsvorsitzenden und Chefs der Verwaltung entweder zwei oder drei Kandidaten angetreten waren, sind es am Sonntag, 14. September, gleich sechs Aspiranten. Zweifellos ein handfestes Anzeichen der breiten Unzufriedenheit mit der Amtsführung des am Montag, 2. November 2020, vereidigten jetzigen Bürgermeisters.
Anmerkungen von Hans Zaremba

Blick auf die Verwaltungsriege mit ihrem umstrittenen Chef Arne Moritz (sechste Person von links) bei der vorerst letzten Ratssitzung der Stadt Lippstadt.
Verdrossenheit
Die Verdrossenheit über das von der CDU gestellte Stadtoberhaupt Arne Moritz betrifft sowohl seine unprofessionelle und in mancher Hinsicht tendenziöse Moderation der Ratssitzungen als auch seine Funktion als Chef der Stadtverwaltung Lippstadt. Über beides wurde in den vergangenen fünf Jahren häufiger in den örtlichen Printmedien berichtet. Dazu ein Beispiel aus der Gazette Der Patriot am Mittwoch, 26. Juni 2024, nach der turbulenten Ratssitzung am 24. Juni 2024, als im Sommer des Vorjahres die Erneuerung des Stadtmuseums auf der Agenda stand. „Ein externer Mediator (den gibt es auch für die Kommunalpolitik) könnte helfen. Der Bürgermeister wird dieser Rolle derzeit nicht gerecht“ war dem Kommentar des Chefredakteurs zu entnehmen. Neben den Kontroversen im Stadtrat, bei denen der 1969 in Freiburg im Breisgau geborene einstige Abgeordnete aus der CDU-Landtagsfraktion verstärkt als ein Interessenvertreter der Lippstädter Union wahrgenommen wird, weniger als vorurteilsloser Leiter der Beratungen mit sieben Gruppierungen, sind mit seiner Person mehrere Konflikte mit dem Personalrat im Stadthaus zu Tage getreten. Folglich überrascht es nicht, dass in den vergangenen Jahren die Stadt Lippstadt einen großen Aderlass an qualifiziertem Personal verkraften musste und erhebliche Probleme hat, für die Umsetzung ihrer Aufgaben geeigneten Ersatz zu finden.
Wechselstimmung
Obendrein hat sich in der Bevölkerung der Eindruck erhärtet, dass Arne Moritz seine Tätigkeit für die Stadt Lippstadt mehr bei „Spaßveranstaltungen“ nach der Schablone der ehedem im Ehrenamt tätigen Bürgermeister sieht als in seiner Rolle des Verwaltungschefs. Zwar spöttisch formuliert, dennoch war es ein passender Fingerzeig, der im August 2025 von einer früheren CDU-Ratsfrau zur Vorstellung eines Cabrio-Busses in der Regie des Unternehmers Thilo Altmann gleichfalls durch die heimische Tageszeitung veröffentlicht wurde: „Man ist schon verwundert und überrascht des Einsatzes unseres Bürgermeisters! Neben der verantwortungsvollen Arbeit für das Gemeinwohl bei einem acht bis zu zehn Stundentag am Schreibtisch im Rathaus entdeckt man ihn in unserer Zeitung auf fast jedem Event, jedem Schützenfest und nun auch im Spassbus! Wie kann man das alles schaffen, fragen sich manche Leser.“ Ein klassischer Wahlkampf des CDU-Bewerbers für die Bürgermeisterwahl im September war bis zum Redaktionsschluss dieses Artikels kaum zu registrieren. Hingegen ist in Lippstadt seit geraumer Zeit an vielen Stellen eine anwachsende Wechselstimmung mit Blick auf die Entscheidung, wer ab November 2025 die Stadt an der Lippe als ihr erster Bürger repräsentieren soll, zu verspüren.

Alexander Tschense (rechts) im Gespräch mit dem Religionspädagogen Adolf Salmen beim öffentlichen Dialog „Hochglanz und Bedürftigkeit“ in der Elisabethkirche, an der alle sechs Kandidaten für die Bürgermeisterwahl im September teilnahmen.
Fotos (2): Karl-Heinz Tiemann
Plattformen
Nun treten bei der Bürgermeisterwahl am Sonntag, 14. September 2025, gegen den Amtsinhaber gleich fünf Herausforderer an. Dabei wagt die SPD mit dem Verzicht auf einen eigenen Bewerber und ihre Unterstützung für den parteilosen Alexander Tschense ein Experiment. Bis im Mai 2025 war der 49-Jährige Nicht-Theologe sieben Jahre im Ehrenamt als Vorsitzender des Presbyteriums der evangelischen Kirche in Lippstadt tätig und führt indessen mit dem Slogan Gemeinsam für Lippstadt einen verstärkt durch die sozialen Medien geprägten Wahlkampf. Gewiss ist es für den in Lippstadt geborenen und im Ortsteil Lipperbruch aufgewachsenen Informatiker zum Vorteil, „ein Lippstädter durch und durch“ zu sein, wie er das anschaulich betont. Zudem hat er es verstanden, sich über seine Stadtgespräche in weiten Kreisen und bei zahlreichen Institutionen im Stadtgebiet vorzustellen. Beträchtlich sind die Wahlaufrufe über Instagram, mit denen sich viele Bürgerinnen und Bürger für den Familienvater von drei Kindern als Bürgermeister aussprechen. Als einzige Frau ist schon im Februar 2024 die Vorsitzende der Fraktion vom Bündnis 90/Die Grünen, Elisabeth Körner (39), mit einer Pressenotiz als erste Person in das Rennen um das Bürgermeisteramt gestartet. Die Wirtschaftsingenieurin und verheiratete Mutter von zwei Kindern war in diesem Sommer ebenfalls auf etlichen Schützenfesten anzutreffen. Für eine Frau aus der Öko-Partei ein ungewöhnliches Terrain. Es gibt in der Wählerschaft manche Vorbehalte, ob sie über das notwendige Format für die anspruchsvolle Position als Ratsvorsitzende und Chefin im Stadthaus verfügt. Eine zeitweilige Hospitation bei der Bürgermeisterin von Coesfeld können fehlende Verwaltungskenntnisse nicht ausgleichen. Auch sie setzt mit ihrer Kampagne vermehrt auf die digitalen Plattformen.
Wertungen
Gleich von zwei Gruppen – FDP und CDL (die vor Jahren erfolgte Abspaltung von der CDU in Lippstadt) – wurde Dr. Torben Terwey (39) als Bürgermeisteraspirant aufgeboten. Dem Familienvater von in 2022 geborenen Zwillingen und promovierten Maschinenbauingenieur werden angesichts der bundesweiten FDP-Umfragewerte und aktuellen Stärke der CDL mit derzeit lediglich einer Ratsfrau nur Außenseiterchancen eingeräumt. Was sich die BG von der Nominierung des Unternehmers aus Verl, Jan Böttcher für die Spitzenfunktion in der Lippstädter Politik verspricht, ist nur schwer nachzuvollziehen. Erst vor anderthalb Jahren war der 50-Jährige als parteiloser von der SPD, Bündnis 90/Die Grünen und Freie Wählergemeinschaft unterstützter Kandidat für das höchste Amt in seiner Heimatstadt erfolglos angetreten. Außer der Erfahrung eines Wahlkampfes in Verl sind es nur wenige Punkte, die ihn bei seiner Mission in Lippstadt helfen. Mit dem Werkzeugmacher Michael Bruns (52) aus der Linkspartei hat sich kurz vor dem Ablauf der Bewerbungsfrist der sechste Interessent gemeldet, der nach seinen Kandidaturen in 2014 und 2020 nun bereits zum dritten Mal erster Bürger in seiner Heimatstadt werden möchte. Mit dem von ihm artikulierten Motto Einer geht noch. Einer geht: Arne Moritz betont der im Lippstädter Süden beheimatete Ratsherr seine Meinung, wonach der vor fünf Jahren von den Christdemokraten aus Solingen in die größte Stadt im Kreisgebiet geholte Mann „kein guter Bürgermeister“ ist.


