Es ist bemerkenswert, welche Persönlichkeiten der 1956 in Lippstadt geborene Professor Dr. Michael Göring für die von ihm in 2023 initiierte Gesprächsreihe im Stadttheater seiner Geburtsstadt fortwährend gewinnt. Bei der jüngsten Auflage der stets gut besuchten Dialoge des Literaturwissenschaftlers war es der renommierte Journalist Giovanni di Lorenzo, der sich den Fragen seines Interviewpartners zum Komplex „Medien – was ist unsere Verantwortung?“ stellte.
Hans Zaremba über Giovanni di Lorenzo in Lippstadt

Foto: Hans Zaremba
Verständliche Sprache
Auch in der Stadt an der Lippe trat der Chefredakteur der in Hamburg verlegten „Zeit“ und Moderator der von Radio Bremen produzierten Talkshow „Drei nach Neun“ in der von ihm gewohnten wohltuenden Form auf. Das Spektrum der Themen mit dem 66 Jahre alten Publizisten erstreckte sich vom Stadium als Schüler in Hannover über sein Wirken für die Printmedien („Süddeutsche Zeitung“, „Tagesspiegel“ und „Die Zeit“) bis zur Künstlichen Intelligenz (KI) im Journalismus. Die Jahre an der Leine bezeichnete der Sohn einer deutschen Mutter und eines italienischen Vaters als die „finsterste Zeit“ in seinem Leben. Dabei sprach der 1959 in Stockholm auf die Welt gekommene di Lorenzo von „Nazi-Lehrern“, die er und sein Zwillingsbruder Marco in der niedersächsischen Landeshauptstadt erfuhren. Neben der verspürten Fremdenfeindlichkeit traf er dort auch auf einen Pädagogen, von dem er den Tipp für ein Praktikum beim örtlichen Blatt „Neue Hannoverische Presse“ erhielt. Ein Wink, der für seine spätere Berufswahl entscheidend sein sollte. Für den Schriftleiter der am 21. Februar 1946 erstmals erschienenen „Die Zeit“ ist die politische Mitte in Deutschland wesentlich ausgedehnter als vermutet. Sie benötige „eine Bühne“, hob der deutsch-italienische Autor gegenüber Michael Göring hervor, mit dem er in dessen vormaliger Eigenschaft als Vorsitzender des Vorstands der „Zeit“-Stiftung bis 2021 zusammengearbeitet hat. Zudem wünschte der Mann der schreibenden Zunft der jetzigen Regierung den nötigen Erfolg. Er könne das Gefühl nicht ausblenden, dass die Kräfte der Mitte „immer noch nicht den Schuss gehört“ haben. Die Koalition dürfe nicht zerbrechen. Sie müsse den Schneid aufbringen, auch unpopuläre Maßnahmen durchzusetzen.
Praktische Arbeit
Und aus Begegnungen mit der Leserschaft wisse er, dass die von ihm verantwortete Gazette eine verständliche Sprache haben müsse, um nicht zur „Milieu-Zeitung“ zu werden. Ebenso ist es das Wollen von di Lorenzo, absolute Glaubwürdigkeit im Journalismus zu praktizieren. Darüber hinaus entlockte Göring seinem Gast einige Eindrücke zu den Interviews aus dem von ihm herausgegebenen Buch „Vom Leben und anderen Zumutungen“. Dazu gehören unter anderem ein Austausch des Schriftstellers mit dem türkischen Herrscher Recep Tayyip Erdogan und eine Unterhaltung mit dem verstorbenen Papst Franziskus (1936-2025). Zugleich vermittelte di Lorenzo Einblicke in seine praktische Arbeit, bei der ihm zwei Frauen bei der Recherche helfen würden. In seinen Zwiegesprächen setzt er auf seine Intuition und verzichtet auf Fragenkataloge. Schließlich wollte der Gastgeber mit den Lippstädter Wurzeln vom aus Norddeutschland angereisten Besucher wissen, ob dieser auch eine Befragung mit der AfD-Frau Alice Weidel für möglich halte. Die Erwartung sei unrealistisch. Er werde nicht Beweis erbringen, als Wolf im Schafspelz zu erscheinen. Genauso wolle er sich nicht dem Vorwurf aussetzen, wie er solchen Leute ein Podium bieten könne. Ihm sei aber auch bewusst, „dass das falsch ist“. Die Medien müssen versuchen, „diese Menschen zu packen“. Wer dies nicht tue, gebe „ihnen den Nimbus der Unverwundbarkeit“. In der Zunahme von Künstlicher Intelligenz im Journalismus sehe er sowohl Gefahren, die seinen Berufsstand überflüssig machen könnten, als auch eine Bereicherung. „Wir müssen für Unverwechselbarkeit sorgen“ und das tun, was KI nicht könne, Hingehen, zuhören und berichten, formulierte der „Zeit“-Vormann und Talkmaster von „Drei nach Neun“ seinen Ansatz.


