Annemarie Renger und Lippstadt

Im Zuge der vorgezogenen Bundestagswahl am Sonntag, 23. Februar 2025, gelang  Jens Behrens über die SPD-Landesliste der Einzug ins Parlament. Vor ihm gehörten aus dem heimischen Kreis von 1953 bis 1969 Jakob Koenen (1907-1974), 1969 bis 1976 und 1978 bis 1987 Engelbert Sander (1929-2004), 1995 bis 2009 Eike Hovermann und 2012 bis 2025 Wolfgang Hellmich (Bad Sassendorf/Soest) dem Bundestag an. Vor 40 Jahren gab es Überlegungen, für den bei der Bundestagswahl in 1987 nicht mehr antretenden Engelbert Sander die SPD-Abgeordnete Annemarie Renger (1919-2008) als Kandidatin als Wahlkreiskandidatin für die Region rund um Lippstadt zu gewinnen.

Überlegungen in 1985 für Bundestagswahl in 1987 

Freitag, 13. Dezember 1985 (I):
Engelbert Sander fädelte den Coup mit Annemarie Renger ein. Das Bild ist bei der damaligen Jubilarehrung des SPD-Ortsvereins Lippstadt im Haus Ortwein entstanden.

Spannender SPD-interner Wettbewerb

Es war gerade Herbstwoche, als Engelbert Sander im Oktober 1985 seinen politischen Freunden die von 1972 bis 1976 amtierende Bundestagspräsidentin Annemarie Renger als künftige Wahlkreisabgeordnete empfahl. Zuvor hatte der ursprünglich von der Lippstädter Sozialdemokratie als Nachfolger von Engelbert Sander vorgeschlagene Eike Hovermann erklärt, für die Wahl am Sonntag, 25. Januar 1987, nicht zur Verfügung zu stehen. Andere Ortsvereine im Kreis Soest favorisierten den seinerzeitigen Unterbezirkschef und Bürgermeister von Welver, Klaus Theo Rohe, als Parlamentsvertreter. Mit dem von Engelbert Sander eingefädelten Coup war plötzlich eine völlig neue Situation entstanden. Für Annemarie Renger und Klaus-Theo Rohe begann in den 14 Gemeinden und Städten des Kreises ein kurzer und spannender parteiinterner Wahlkampf. Als Dritter hatte sich mit Außenseiterchancen der damalige SPD-Ratsherr Josef Neumann aus Lippetal beigesellt.  

Intensiver Vorwahlkampf

Annemarie Renger hat im Vorwahlkampf der SPD von November 1985 bis Januar 1986 einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Sie besuchte in dem Vierteljahr ihres Engagements vor Ort unter anderem Wirtschaftsbetriebe in Warstein, Sozialeinrichtungen in Lippstadt, das Versuchsgut „Haus Düsse“ in Bad Sassendorf und mehrere Bildungseinrichtungen. Zudem knüpfte sie vielfältige Kontakte zu den Sozialdemokraten im Kreisgebiet. Auf der denkwürdigen SPD-Wahlkreiskonferenz in Wickede am Freitag, 31. Januar 1986, siegte der Welveraner vor der Parlamentarierin mit Wohnsitz am Rhein, während der Lippetaler weit abgeschlagen das Rennen um die Kandidatur beendete. Übrigens: Klaus-Theo Rohe versuchte es nach 1987 in 1990 nochmals, in den Bundestag zu kommen. Erneut vergeblich. In 1991 verabschiedete er sich aus dem SPD-Kreisvorstand.

Lippstadt am Freitag, 13. Dezember 1985 (II):
Bei der Jubilarehrung des Lippstädter SPD- Ortsvereins wurde die von 1964 bis 1989 dem Stadtrat angehörende Berni Alff (1933-2017) für ihre langjährige SPD-Mitgliedschaft durch Annemarie Renger ausgezeichnet. Aufmerksamer Beobachter ist der damalige Vorsitzende des Lippstädter SPD-Ortsvereins, Wolfgang Schulte Steinberg.
Archiv-Fotos (2): Karl-Heinz Brülle

Geprägt durch Kurt Schumacher

Politisch stark geprägt wurde Annemarie Renger durch Kurt Schumacher (1895-1952), den sie 1945 kennenlernte und der bei der ersten Bundestagswahl in 1949 als SPD-Spitzenkandidat antrat. Die couragierte Frau begleitete den durch seine Verwundungen im ersten Weltkrieg und die Inhaftierung während der NS-Diktatur körperlich schwer eingeschränkten Vorsitzenden von Bundespartei und Bundestagsfraktion bis zu seinem Tod in 1952 als Sekretärin und führte ihm zeitweise auch den Haushalt. Daneben leitete sie ab 1946 das Büro des SPD-Parteivorstandes, zunächst in Hannover und danach in Bonn. In die Zeit der Tätigkeit von Annemarie Renger bei Kurt Schumacher fiel auch 1950 der Lippstadt-Besuch des SPD-Parteichefs zur Hilfe von Bürgermeister Jakob Koenen im Landtagswahlkampf. Nach dem Ableben von Kurt Schumacher trat sie selbst ins politische Rampenlicht. In 1953 gelang ihr der Einzug in den Bundestag, dem sie bis 1990 ununterbrochen angehörte. Verstorben ist sie am 3. März 2008 in Remagen-Oberwinter.

Hans Zaremba