Geschichte der Herbstwoche   

Wenn in Lippstadt die Herbstwoche eröffnet wird, in der Regel am dritten Samstag im Oktober, ist häufig von der „fünften Jahreszeit“ die Rede. In diesem Jahr kann die einst als Wirtschaftsschau ins Leben gerufene Traditionsveranstaltung auf ihre erste Durchführung vor ein hundert Jahren zurückblicken. Durchaus ein passender Anstoß, im Rahmen der Schriftenreihe des Heimatbundes „Lippstädter Spuren“ ein Buch herauszugeben. Am Mittwochvormittag wurde der auf 199 Seiten zusammengetragene Band vom Schriftleiter des Werks, Dr. Wolfgang Maron, und dem für den Chronikteil verantwortlichen Christoph Motog im Rathaussaal präsentiert.

Präsentation im Lippstädter Rathaus

Lippstadt am Mittwoch, 16. September 2026 (I):
Das erste Buch „1926-2026: Hundert Jahre Lippstädter Herbstwoche“ überreichte der Schriftleiter Dr. Wolfgang Maron (links) an den Bürgermeister Alexander Tschense.

Erinnerungen aus der Kindheit und Jugend

Vom pensionierten Schulleiter und Historiker Wolfgang Maron waren über rund 18 Monate Geschichten recherchiert, Erinnerungen gesammelt, Archive durchstöbert, Fotos ausgewählt und die unterschiedlichsten Perspektiven auf die Herbstwoche miteinander verbunden worden. Durch dieses Engagement ist nicht nur ein Jahrbuch des Volksfestes entstanden, sondern es konnte, wie Maron unterstrich, „ein facettenreiches Stück Lippstädter Stadtgeschichte“ verfasst werden. Diese Form der von der VR Bank Westfalen-Lippe eG geförderten Publikation wurde auch in den Grußworten vom Bürgermeister Alexander Tschense sowie der Vorsitzenden des Heimatbundes, Dr. Marlies Wigge, und der Geschäftsführerin der KWL (Kultur und Werbung Lippstadt GmbH), Franzsika Sommer, betont. Unter Mitwirkung von zahlreichen Gastautorinnen und Gastautoren wurden mit besonderen Aspekten der Historie der Lippstädter Woche persönliche Kindheits- und Jugenderinnerungen formuliert, die bis in die 1950er Jahre zurückreichen. So auch von Elke Lumpe, Jahrgang 1940 und 1948 mit ihrer Familie als Flüchtlinge in Lippstadt eine neue Heimat gefunden hatte, die bei der Herbstwoche 1959 im damaligen Kolpingsaal zur Weinkönigin gewählt wurde. Mit ihren Zeilen „Ein wunderbarer Tanzabend“ stellte sie zum überreichten Präsent heraus: „Der Frühstückskorb war ein unendliches Geschenk“. Und Josef Mackenberg, geboren 1945 und heute als profunder Stadtführer aktiv, beschreibt ein Erlebnis aus dem Jahr 1950 mit seiner sieben Jahre älteren Schwester Margarete Spenner an einer Losbude, die an der Apsis der Marienkirche ihren Standort hatte.

Lippstadt am Mittwoch, 16. September 2026 (II):
Verantwortliche und Mitwirkende des Werks über die Geschichte der Herbstwoche: Von links Dr. Claudia Becker, Anna Jungemann und Mareike Kube sowie Christoph Motog, Dr. Wolfgang Maron und Michael Nolte.
Fotos (2): Hans Zaremba

Initiator Gottfried Holle

Im umfangreichen Abriss über die seit 1926 währende Herbstwoche-Geschichte, vor 100 Jahren wesentlich vom Bürgermeister Gottfried Holle (1878-1950) initiiert, ist zunächst von einer Werbewoche die Sprache. Dazu wird im Foliant vermerkt: „Den Lippstädter Geschäftsleuten, die ´über den Zaun´ ihrer Heimatstadt zu blicken pflegten und dabei auch die Werbemittel in den Nachbarstädten beobachteten, war schon lange nicht die Attraktivität des ´uralten´ Soester Allerheiligenmarktes und der traditionellen Liboriwoche verborgen geblieben. Es lag daher auf der Hand, dass, je schlechter die Zeiten wurden, auch Lippstadt die Anziehungskraft einer ´Heimatwoche´ erhalten müsste, die zugleich eine Art Schaufenster sein sollte für das, was Handel und Handwerk in dieser relativ kleinen Stadt   – Lippstadt hatte 1925 rund 18.500 Einwohner – leisten und anbieten konnten. Eine solche ´Leistungswoche´ war so notwendiger geworden, als die wirtschaftliche Situation immer ruinöser wurde.“ Wie sehr die ökonomischen Gesichtspunkte bei der Herbstwoche als Werbewoche im Vordergrund standen, wird verschiedentlich erkennbar: Verkaufsgutscheine, die Öffnung der Geschäfte am Sonntag von 12.30 bis 18.00 Uhr, die abendliche Illuminierung des Rathauses und das Feuerwerk an der Marienkirche. Viele dieser Elemente waren 1926 völlig neu und für die meisten Kunden unbekannt, zumindest abseits der Großstädte, wird in dem Druckerzeugnis erläutert. Die Herbstwoche des Jahres 1926 wird als Neuerfindung beschrieben und dazu ausgeführt: „Anders als die meisten übrigen Volksfeste knüpfte sie weder an einer kirchlichen Feier noch an einen traditionellen Markt an.“ Die Stadtarchivarin Dr. Claudie Becker erklärt im ihrem Aufsatz „Gut be-Hüte-t“ den Unternehmungsgeist von zwölf jüdischen Geschäftsleuten in der Innenstadt, „um mit der Herbstwoche auf ihre aktuellen Angebote aufmerksam zu machen“. Mehrere von ihnen nutzten die Schaufenster-Beleuchtung als Werbemittel für die von ihnen offerierten Produkte. Mit dabei war auch das Bekleidungshaus Hammerschlag mit seinen Kopfbedeckungen. Als Besonderheit wird die Nutzung des Films als Medium der Hammerschlag-Reklame demonstriert, der im „Metropol-Theater“ zu sehen war.

Lippstadt am Samstag, 19. Oktober 1985:
Aufnahme eines bemerkenswerten Abends im damaligen „Augustinerhof“ mit Hans-Jürgen Wischnewski (vorne in der Mitte) und umgeben im Uhrzeigersinn von den heimischen Sozialdemokraten Heinfried Heitmann, Engelbert Sander, Dr. Franz Walter Henrich, Hans Zaremba und Karl-Heinz Brülle.
Archiv-Foto: Sammlung Hans Zaremba

Motto und Schirmherrn

Im Kapitel „Schirmherrschaft und Jahresmotto“ wird an viele Personen erinnert, die von 1946 bis in die 1980er Jahre die Aufgabe als Schirmherr übernahmen. Neben lokalen Persönlichkeiten waren auch Repräsentanten der Politik im Land und Bund darunter. Vor 41 Jahren der vormalige Staatsminister im Kanzleramt, Hans-Jürgen Wischnewski (1922-2005), als vorerst letzten prominenten Bundespolitiker, dem die ehrenvolle Aufgabe übertragen wurde. Den Besuch von „Ben Wisch“ beleuchtet in dem Buch der Verfasser dieses Artikels, Hans Zaremba. Die in dieser Betrachtung  angeführten Slogans der registrierten 93 Veranstaltungswochen reichen von „Im Zeichen des Sports“ (1952) über „Lippstadt grüßt Berlin“ (1959) bis „Lebendige Mitte“ (1967). In Verbindung mit dem Motto von vor 59 Jahren und dem seinerzeitigen Schirmherrn Heinz Kühn (1912-1992), Ministerpräsident des Bundeslandes zwischen Rhein und Weser, nutzte Bürgermeister Jakob Koenen (1907-1974), um seinen SPD-Parteifreund aus der Landeshauptstadt für ein spezielles Anliegen zu gewinnen: Eine „Mehrzweckaula“ mit einer Bühne für größere kulturelle Vorstellungen. Es war das heutige Stadttheater, das noch zu Lebzeiten des volkstümlichen Stadtoberhauptes in 1973 seiner Bestimmung übergeben wurde und seit diesem Zeitpunkt der Ort für die festlichen Herbstwochen-Eröffnungen ist.

Chronik im Schnelldurchgang

Dem örtlichen Journalisten Christoph Motog war es vorbehalten, im „Schnelldurchgang“ eine geraffte Chronik der Herbstwoche in das Buch zu rücken. Sie beginnt mit der ersten Herbstwoche vom 21. bis 27. Oktober 1926 und der Erzählung der Eröffnungsfeier unter Einbeziehung des Männerchors Sängertreu und blickt auf das Jahr 1981, als der Leitgedanke „Uden – Lippstadt, 10 Jahre Freundschaft“ lautete. Ebenso greift der Autor von zwei Bänden mit Geschichten und Anekdoten aus seiner Heimatstadt das Jahr 2000 mit dem Motto „25 Jahre gemeinsam“ vor dem Hintergrund der in 1975 vollzogenen kommunalen Neuordnung und die Eingliederung von siebzehn Ortsteilen in das heutige Stadtgebiet auf. Die Beschreibungen des Chronisten enden mit einem Ausblick auf die 93. Auflage der Lippstädter Woche und dem Wahlspruch „100 Jahre Herbstwoche“, wo nach einer Pause von 16 Jahren wieder ein Herbstwochenumzug vorgesehen ist. Zitiert wird dazu der Eventmanager der KWL, Christoph Hermes: „Das Jubiläum soll ein farbenfrohes, fröhliches und friedliches Fest werden – für Lippstadt, für die Herbstwoche und für uns alle!“ Anna Jungemann, seit September 2024 bei der KWL für den Bereich Kommunikation zuständig, richtet ihren Blick mit „Die Herbstwoche heute – Menschen, Momente, Miteinander“ im Großen und Ganzen auf die letzten 20 Jahre. Die Schreiberin erzählt „von den Menschen hinter den Kulissen, von Organisation und Sicherheit, von Handel, Partnerschaften und den vielen Details, die oft unsichtbar bleiben und doch unverzichtbar sind“.

Hinweis

Der Spurenband „Hundert Jahre Lippstädter Herbstwoche“ erscheint als 30. Heft der beliebten Schriften des Heimatbundes und kann in der Stadtinformation im Rathaus, im Stadttheater zu den dortigen Öffnungszeiten sowie bei „Peters-Pralinen“ in der Marktstraße für fünfzehn Euro erworben werden.

Hans Zaremba